WSI-Verteilungsbericht: Einkommensungleichheit gefährdet Demokratie
- Von David Kläffling
- Lesedauer 3 Min

Der kürzlich veröffentlichte WSI-Verteilungsbericht 2023 beleuchtet verschiedene Facetten der Einkommensungleichheit - unter anderem wie und warum sie eine Gefahr für die Demokratie darstellen kann.
Alltägliche Erfahrungen und Möglichkeiten von Menschen in Deutschland hängen ganz entscheidend von ihrem Einkommen ab. Absolute und relative Armut geht nicht nur mit einem Verzicht von materielle Gütern wie neuer Kleidung oder Heizen einher, sondern hat auch immaterielle Konsequenzen für Betroffene. In dem jüngsten Verteilungsbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung wird mit Befragungsdaten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) dokumentiert, dass Armut positiv mit wahrgenommener sozialer Geringschätzung und negativ mit sozialer Wertschätzung korreliert ist.
Deutliche Unterschiede zeigen sich in Bezug auf das Erleben von Wertschätzung bzw. Geringschätzung: Fast ein Viertel der dauerhaft Armen gibt an, dass andere häufig auf sie herabsehen. Dagegen geben weniger als 14 Prozent der temporär Armen, nur 8 Prozent der Personen mit mittleren Einkommen und kaum mehr als 3 Prozent der Reichen eine häufige Ablehnung an. Die Reichen unterscheiden sich zudem in ihrem Erleben von Wertschätzung stark vom Rest der Gesellschaft: Fast 48 Prozent geben an, dass andere oft zu ihnen aufsehen, unter den dauerhaft Armen nehmen das nur 28 Prozent so wahr (in den anderen beiden Gruppen sind es 33 Prozent bzw. 35 Prozent).
WSI-Verteilungsbericht 2023
Weiter zeigt der Bericht, dass diese individuellen Wahrnehmungen zu einem gesellschaftlichen Problem werden, da sie zu einer Entfremdung einzelner Gruppen vom demokratischen System beitragen. Wenn sich Menschen gesellschaftlich nicht mehr wertgeschätzt fühlen und das Vertrauen in das politische System verlieren, dann leidet darunter auch die Demokratie.
So zeigt der Bericht, dass das Vertrauen in die demokratischen Institutionen stark von der Einkommenshöhe abhängt. Während es unter den Reichen nur wenige gibt, die der Polizei oder dem Rechtssystem nicht vertrauen, sind es bei den dauerhaft Armen über 22 Prozent bei der Polizei bzw. gut ein Drittel beim Rechtssystem. Auch das Vertrauen in die Politik ist stark positiv mit dem Einkommen korreliert.
Natürlich spielen andere Faktoren wie Bildungsabschlüsse vermutlich ebenfalls eine wichtige Rolle. Daher ist es wichtig zu betonen, dass die Ergebnisse keine kausalen Effekte darstellen und sich daher keine direkten Politikempfehlungen ableiten lassen. Allerdings kann der Bericht - wie die Autoren selbst schreiben - dabei helfen zu verdeutlichen, wie sehr sich die Lebensrealitäten verschiedener Einkommensgruppen unterscheiden. Und wie eine hohe Ungleichheit die Demokratie gefährden kann.
Den ganzen Bericht gibt es hier.