World Inequality Report 2026: Ein Planet, gespalten durch Wohlstand

  • Von Xhulia Likaj
  • Lesedauer 3 Min

Der aktuelle World Inequality Report 2026 fällt ein ernüchterndes Urteil: Trotz Jahrzehnten wirtschaftlichen Wachstums bleibt die Welt zutiefst ungleich. Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung vereinen 53 Prozent des gesamten Einkommens und 75 Prozent des globalen Vermögens auf sich, während die ärmere Hälfte der Menschheit lediglich 8 Prozent des Einkommens und gerade einmal 2 Prozent des Vermögens besitzt. An der absoluten Spitze erreicht die Ungleichheit fast surreale Ausmaße: Weniger als 60.000 Individuen – das oberste 0,001 Prozent – besitzen dreimal so viel Vermögen wie 4 Milliarden Menschen zusammen.

Diese Konzentration ist nicht statisch, sie beschleunigt sich. Seit den 1990er-Jahren wächst das Vermögen von Milliardären jährlich um fast 8 Prozent, doppelt so schnell wie das der unteren Hälfte. Der Bericht warnt, dass diese Entwicklung politische Spaltungen vertieft und die fiskalische Handlungsfähigkeit für Bildung, Gesundheit und Klimaschutz untergräbt.

Mehr als Einkommen: Vermögen, Geschlecht und Klima

Der Bericht betont, dass Ungleichheit multidimensional ist. Geschlechterunterschiede bleiben tief verankert: Frauen verdienen im Schnitt nur 61 Prozent dessen, was Männer pro Arbeitsstunde verdienen. Wird unbezahlte Pflegearbeit einbezogen, sinkt das Einkommen von Frauen auf 32 Prozent des Männerwertes, obwohl sie insgesamt mehr Stunden arbeiten.

Auch die Klimaungleichheit verschärft die Lage. Die reichsten 10 Prozent sind für 77 Prozent der Emissionen aus privatem Kapitalbesitz verantwortlich, während die ärmere Hälfte nur 3 Prozent verursacht. Die Wohlhabenden können sich vor Klimaschocks schützen – die Armen nicht. Bis 2050 wird prognostiziert, dass die unteren 50 Prozent 74 Prozent der relativen Einkommensverluste durch den Klimawandel tragen müssen.

Deutschland: Moderate Einkommenslücken, extreme Vermögenskonzentration

Das Profil Deutschlands im Bericht ist differenziert. Die Einkommensungleichheit gilt als „moderat“: Die obersten 10 Prozent verdienen 37 Prozent des Nationaleinkommens, die unteren 50 Prozent 19 Prozent. Die Einkommenslücke zwischen diesen Gruppen hat sich in den letzten zehn Jahren leicht verringert – von einem Verhältnis von 21 auf 20.

Doch beim Vermögen zeigt sich ein anderes Bild: Die reichsten 10 Prozent besitzen 58 Prozent des Gesamtvermögens, das oberste 1 Prozent allein 28 Prozent. Die untere Hälfte? Nur 3,4 Prozent. Das durchschnittliche Vermögen pro Erwachsenem liegt bei etwa 247.000 Euro, doch diese Zahl verdeckt einen Abgrund: Die unteren 50 Prozent verfügen im Schnitt über 8.400 Euro, während die obersten 10 Prozent fast 1,45 Millionen Euro besitzen.

Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist leicht gestiegen – von 35,7 Prozent auf 36,9 Prozent –, bleibt aber weit von Gleichstellung entfernt. Deutschland spiegelt damit ein breiteres europäisches Muster: relativ begrenzte Einkommensungleichheit, aber auffällige Vermögenskonzentration. Die Einkommenslücken sind geringer als in Großbritannien oder Südeuropa, doch die Vermögenskonzentration gehört zu den höchsten in der EU. In Skandinavien halten die obersten 10 Prozent typischerweise etwa 50 Prozent des Vermögens, in Deutschland sind es fast 60 Prozent. Osteuropäische Länder zeigen oft geringere Vermögensungleichheit, starten jedoch von deutlich kleineren Vermögensbasen.

Globale Finanzstrukturen: Ein System der Privilegien

Der Bericht hebt auch strukturelle Ungleichgewichte im globalen Finanzsystem hervor. Jedes Jahr fließen Ressourcen in Höhe von 1 Prozent des Welt-BIP von ärmeren zu reicheren Ländern – durch Schuldendienst und Gewinnabflüsse, das Dreifache der Entwicklungshilfe. Wohlhabende Volkswirtschaften können billig Kredite aufnehmen, lukrativ verleihen und behalten, was der Bericht als „Rentierposition“ bezeichnet – eine moderne Form des ungleichen Austauschs.